Ensay-Typ

Wiederentdeckung einer Legende

Alles begann bei einem Besuch mit Rolf Sonnborn in Applecross im Februar 2014. Im Applecross Estate sahen wir ein altes Foto von LAOICH OF ENSAY.  

LAOICH (1260)
LAOICH (1260) dob 17th April 1894, Bred by Mr. John Stewart, Ensay, Isle of Harris, Champion at THE HIGHLAND SOCIETY SHOWS: Perth 1896, GLASGOW 1897 & INVERNESS 1901


Dieser Bulle war zu Beginn des 20.Jahrhunderts Stock Bull im Applecross Fold. Der Bulle faszinierte durch seine Kompaktheit und Stabilität im Körper und seine besondere Harmonie. Er war sehr tief und sehr gut bemuskelt an der Vorderhand und der Hinterhand. Auffällig war die tiefe bis fast an das Sprung- und Karpalgelenk reichende Bemuskelung, wie sie besonders bei alten britischen Rinderrassen (z.B. Longhorn) zu finden ist. Wir waren fasziniert von der Typübereinstimmung zu Bullen aus unserer Zucht z.B. OBELIX OF GOTSGARTEN  oder auch seinen Söhnen ODAN OF GOTSGARTEN und OAK VON GREEN OAK (Bundessieger 2009, gezüchtet von Roberto Bock). Eine besondere Übereinstimmung bestand zu OSSIAN VOM EIFGENTAL (Bundessieger 2004, gezüchtet von Rolf Sonnborn). Mein Interesse am legendären Ensay Fold und der Zuchtarbeit von John Stewart war geweckt. Später entdeckte ich Bilder von  Ensay-Kühen, die am Anfang des 20. Jahrhunders erfolgreich von John Stewart ausgestellt wurden. 

Quelle: http://www.scottishgenetics.com/gallery/

"Laochag Bhuidhe 1st of Ensay (4298) born 1894 sire Ceatharnach Buidhe ((719). 1st in the cow class at the Highland and Agricultural show of 1903." (http://www.scottishgenetics.com/gallery/)

Besonders EITEAG RUADH 3RD OF GOTSGARTEN zeigte eine so verblüffende Übereinstimmung, dass man denken konnte, sie wäre ein Zwilling zu der Ensay-Kuh, die 1903 ausgestellt wurde, doch war sie über hundert Jahre später geboren (siehe Bilder auf der Startseite der Homepage). 

Das Interessante war nun, dass auch die Mutter dieser Kuh und die Kuhfamilie, diese besonderen Typmerkmale zeigten, aber auch über OSSIAN VOM EIFGENTAL dieser Typ recht dominant weitergegeben wurde, auf unterschiedliche Mutterlinien in unserer Herde, dazu an anderer Stelle mehr. 

Ein Prinzip der Linienzucht ist es gleiche Typen und Merkmale miteinander zu kombinieren und damit zu festigen. Wenn man bedenkt, dass ein großer Teil der im schottischen Herdbuch aufgezeichneten Genetik, wie bei einer Sanduhr, über nur ganz wenige Tiere auf  die ersten im Herdbuch eingetragenen Tiere zurückgeht (Zu den ersten Herdbuchtieren gehören die Tiere der Herden Atholl und Ensay.), dann war die Wiederentdeckung eines "Ensay-Typs" gar nicht so unwahrscheinlich. Natürlich geht es nicht nur um Typübereinstimmung, wenn diese aber zusammenkommt mit exzellenten funktionalen Merkmalen (z.B. straffer Bewegungsapparat, gutes Euter und Fruchtbarkeit), Vitalität und Langlebigkeit und dazu noch ein guter Rahmen (auch in extensiven Beweidung ausgefüttert), dann ist dies fast wie ein züchterischer Hauptgewinn. Mit geschärften Blick, war zu entdecken, dass dieser Phänotyp sich schon züchterisch in verschiedenen Linien der Herde gefestigt hatte. Wie es dazu kam, bleibt ein besonderes Geheimnis und ist ein züchterischer Segen. Weitere Faktoren haben nicht unwesentlich zum erneuten Auftreten des "Ensay Typs"  beigetragen: Die ganz konsequente Haltung der Tiere mit 100% Gras und im Winter Zufütterung mit 100% Raufutter. Die Haltung auf extensiven Weidestandorten. Die konsequente Selektion in einer Herde von ca. 35 - 50 Kühen. John Stewart hatte damals eine große kommerzial genutzte Herde. Ein besonderer Glücksfall war weiter, dass wir gemeinsam mit Bernhard Husmann (Hof Husmann Fold) den hervoragenden Zuchtbullen ACHADH CHUILTER OF ORMSARY erwerben konnten. Auch in diesem Bullen war der "Ensay-Typ" zu sehen, eine perfekte harmonische Kombination von Funktionalität, Bemuskelung und Typ. 

Was auch immer die Gründe sind, dass Ergebnis zählt und stimmt uns sehr hoffnungsvoll bezüglich unserer Herdbuchzucht. Wir wären nicht Züchter, wenn wir dieses besondere Gut nicht mit anderen Züchtern teilen wollten.


Mr. John Stewart, Ensay, Isle of Harris

Einer der Väter der Highland Society

John Stewart war um 1900 einer der bedeutensten und erfolgreichsten Schottischen Züchter. Mit seiner großen kommerziellen Herde "Ensay" auf den Äußeren Hebriden und der  Kombination bester  "Mainland-" und Inselgenetik und mit einem ganz besonderen Gefühl für die Linienzucht ist er ein großes Vorbild für unsere  Zuchtarbeit im 21. Jahrhundert.

Die Rede vom Zuchtfortschritt in unseren Tagen wird im Blick auf eine Kuh wie Laochag Bhuidhe 1st of Ensay  und einen Bullen wie LAOICH OF ENSAY sehr relativiert. Auf einem sehr hohen Level wurde damals in Schottland die Highland Cattle Zucht betrieben.  Es war auch die Zeit, in der 1884 das Herdbuch der Highland Cattle Society gegründet wurde. Noch heute spürt man in der alten bis heute gültigen Rassebeschreibung aus dieser Zeit den Enthusiasmus der Züchter und Förderer der Highland-Cattle-Zucht.